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… dass moderater Alkoholkonsum gut fuer einen ist.

Weiter geht’s mit den Merkwuerdigkeiten rund um diese Volksweisheit, ueber die Hans Olav Fekjær in Addiction 108 (12), pp. 2051–2057, 2013 in der (Literatur)Analyse mit dem Titel „Alcohol—a universal preventive agent? A critical analysis“ schreibt.

Somit ohne viel Aufhebens:

Alcohol apparently prevents12 diseases among the 16 listed by Wikipedia as ‘lifestyle diseases’.

Wikipedia ist ein „lebendes Dokument“ und ich finde da mittlerweile 21 Lebensfuehrungskrankheiten, aber die Aussage ist klar. Weiter geht es damit, dass …

[t]he level of consumption which seems to have a preventive effect is the level that is most accepted in our present-day societies, more socially accepted than both abstention and higher consumption.

Zur Abstinenz komme ich beim naechsten Mal, aber der Punkt, dass …

[…] the [societal] group consuming alcohol at this level is conforming to the currently prevailing norms

… ist wichtig, denn …

[n]ot surprisingly, several favourable characteristics have been demonstrated for this group. It differs from abstainers in many lifestyle factors which are relevant for health

Konkreter zitiert Fekjør eine andere Studie:

[…] ‘wine drinking is a general indicator of optimal social, cognitive, and personality development […]. Similar social, cognitive, and personality factors have also been associated with better health in many populations. Consequently, the association between drinking habits and social and psychological characteristics, in large part, may explain the apparent health benefits of wine’.

Interessanterweise kann man das relativ leicht testen, denn fast alle Studien zu moderatem Alkoholkonsum und positiven Gesundheitseffekten wurden in „westlichen“ Laendern durchgefuehrt, in denen moderate Trinker im Durchschnitt einen høheren sozialen Status haben. Im Einklang mit den Ergebnissen von Holmes et al. folgerte …

[…] a study in India […] that light drinking increased the risk of coronary disease.

Der Schluss liegt nahe, dass dies vermutlich daran liegt, dass in der gesamten indischen Gesellschaft niemand erwartet, dass religiøse Hindus Alkohol trinken. Diese sind im Durchschnitt also nicht schlechter dran als Nichttrinker in westlichen Laendern.

Zusammenfassend kann diesbezueglich also gesagt werden, dass

[a]ltogether, there is ample evidence that groups with different drinking habits differ in several other ways than their drinking, making it difficult to separate the effects of drinking habits from other factors.

So viel dazu, naechstes Mal dann, wie viel schlechter es Abstinenzler in westlichen Laendern im Durchschnitt haben. Eine Sache, die mich doch etwas ueberrascht hat.

Das Folgende ist euch, meinen lieben Leserinnen und Lesern mglw. gar nicht aufgefallen beim Lesen der (bereits øfter zitierten) Studie von Holmes, M. V. et al. in BMJ, 2014; 349:g4164, denn es ist ein bisschen (in Tabelle 1) versteckt:

Nichtmal theoretische Physiker (also Physiker die eher theoretisch als experimentell arbeiten, nicht die Menschen, die theoretisch Physiker sein kønnten) arbeiten mit Werten die angegeben sind mit 76 Stellen nach dem Komma.

Ich weisz, dass das bei den Formeln zur Statistik rausfaellt, wenn man wirklich viele Probanden hat. Das ist mir selber schon passiert, wenn auch nicht ganz so extrem. Ich fand’s aber trotzdem lustig zu sehen und mir kam der Gedanke, dass wenn die Autoren der Studie einen normalen Taschenrechner mit 10 Stellen gehabt haetten, die Genauigkeit viel kleiner gewesen waere  … tihihi.

… dass moderater Alkoholkonsum gut fuer einen ist.

Ich bin ueber noch einen wissenschaftlichen Artikel gestolpert mit dem passenden Titel „Alcohol—a universal preventive agent? A critical analysis“ von Hans Olav Fekjær in Addiction 108 (12), pp. 2051–2057, 2013 … ich sehe gerade nicht, ob der frei zugaenglich ist, weil ich in der Unibibo in Uppsala sitze; falls nicht: *hust*.

Hier schrieb ich:

[…] der […] Selkorrekturmechanismus der Wissenschaft […] [benøtigt] meist viele und lange und teure Studien […] oder die Entwicklung einer neuen Methode […].

Die in den letzten Beitraegen besprochene Studie von Holmes et al. benutzte eine neue Methode, wohingegen die hier zitierte (Literatur)Analyse den anderen Weg geht. Und das ist der Grund, warum ich besagten Artikel so interessant finde und die Resultate in mehreren kuerzeren Beitraegen vorstellen werde. Auszerdem ist’s immer gut Argumente gegen weitverbreitete Dummheiten zur Hand zu haben.

Deswegen leg ich jetzt ohne weitere lange Rede auch gleich mit der ersten (Meta)Beobachtung los.

Fekjær listet eine Auswahl von 45 (Beobachtungs)Studien auf, die scheinbar einen Zusammenhang zwischen leichten/moderatem Alkoholkonsum und dem Schutz vor 26 Krankheiten nachweisen. Die Krankheiten sind so unterschiedlich wie Alzheimer, Asthma, Darmkrebs, Diabetes, Gallensteine, niedriges Geburtsgewicht (!), Uebergewicht, Krankheiten des Geistes und ueberhaupt allgemeine Sterblichkeit. Ganz zu recht schreibt der Autor dann:

[a] conspicuous fact is that light or moderate drinking apparently prevent such a large number of unrelated diseases.

Denn das ist tatsaechlich auffaellig. Und noch mehr auffaellig ist, dass …

[…] beneficial effects for the different diseases all seem to peak at approximately the same consumption level. […] [I]n practically all these studies, certain small doses of alcohol appear to be protective and somewhat larger doses are apparently harmful.

Die Abhaengigkeit der „Reaktion“ einer Krankheit von der Dosis einer Medizin ist bekannt. Diese Dosisabhaengigkeit funktioniert aber nicht so wie Alkohol scheinbar funktioniert. Vielmehr kann der „Dosisgrenzwert“ ab dem ein Medikament nicht mehr hilft und eher schaedlich wird weit fluktuieren von Mensch zu Mensch und natuerlich von Krankheit zu Krankheit.
Nicht so bei Alkohol, da ist’s immer die (mehr oder weniger) gleiche Dosis, die dich gegen alles gleichzeitig beschuetzt … und das ist tatsechlich sehr verdaechtig in die Richtung, dass leichter/moderater Alkoholkonsum mglw. Ausdruck fuer was ganz Anderes ist und nicht wirklich gegen Krankheiten schuetzt (Letzteres ist ja was Holmes et al. direkt nachweisen).

Dazu mehr beim naechsten Mal.

… dass moderater Alkoholkonsum gut fuer einen ist.

(Vor)Letztes mal schrieb ich, dass Holmes, M. V. et al., in ihrer Studie „Association between alcohol and cardiovascular disease: Mendelian randomisation analysis based on individual participant data“ in BMJ, 2014; 349:g4164, herausfanden, dass Traeger der rs122984 Mutation des ADH1B Gens bessere Werte bei den Biomarkern haben, die mit Herz-Kreislauferkrankungen in Verbindung stehen. Ich liesz offen, ob sich das auch auf tatsaechliche Faelle koronarer Herzkrankheiten (hier scheint die dtsch. Wikipedia mal brauchbar zu sein) durchschlaegt … jaja, ich uebertreibe etwas im Titel dieses Beitrags, aber letztlich fuehrt das doch alls zu Herzinfarkten, nicht wahr.

Ohne viel Aufhebens, das Ergebniss ist, dass durch die Bank weg…

[…] [mutants] showed reduced odds of coronary heart disease […].

Auch die Einteilung der Personen in Gruppen (um den Zusammenhang zur „Volksweiheit“ herzustellen) aenderte daran nix:

[f]urther subdivision of the drinkers category into light (>0 to <7 units/week), moderate (≥7 to <21 units/week), and heavy (≥21 units/week) showed the same protective effect of the variant across all alcohol categories […].

Das ist also komplett entgegen besagter „Volksweisheit“ — egal wie viel (oder wenig) man trinkt, dass ist immer schlechter fuer dich, als nicht zu trinken. Oder anders:

[f]rom the U shaped association seen in observational studies, we would expect that for drinkers below the nadir (12-25 units/week), a reduction of 17.2% in alcohol consumption (corresponding to […] [be a mutant]) would lead to a small increase in the risk of coronary heart disease […]. Contrary to these expectations, however, we found that individuals below the nadir with a genetic predisposition to consume less alcohol had lower odds of developing coronary heart disease at all categories of alcohol consumption […] bringing the hypothesised cardioprotective effect of alcohol into question.

Der letzte Satz ist natuerlich sehr diplomatisch ausgedrueckt … tihihi.

Ganz wichtig war auch das Ergebniss bzgl. der beim letzten Mal erwaehnten Kontrollgruppe.

When analysis was restricted to non-drinkers the association was null […]

Es gab also keine Assoziation mit koronaren Herzkrankheiten und der Mutation bei Nichttrinkern. Das ist so wichtig, denn dies „koppelt zurueck“ zu der Annahme auf der die Benutzung der Methode der Mendelschen Randomisierung beruht:

[t]his is consistent with the assumption that the associations ascribed to the ADH1B variant are mainly due to alcohol consumption.

Also NICHT weil die Mutation auch noch irgendwas anderes im Kørper macht.

Lange Rede kurzer Sinn: wenn man das ordentlich untersucht und nicht nur schaut ob (und wie viel) Leute mit bestimmten Krankheiten Alkohol trinken, dann kommt man zu dem Schluss, dass auch leichter oder moderater Alkoholkonsum ganz generell nicht gut fuer dein Herz-Kreislaufsystem sind.

Soweit genug zum Artikel von Holmes et al. Das beendet die Reihe aber nicht, weil ich im Zuge dieser Fragestellung auf einen anderen Artikel gestoszen bin, in dem ein paar andere Dinge besprochen werden, die in den letzten Jahren Zweifel an der Gueltigkeit dieser „Volksweisheit“ aufkommen lieszen. Waehrend Holmes et al. eine (mehr oder weniger) neue Methode (und krass viele Daten) benutzen, so gehen die Argumente des besagten Artikels in eine andere Richtung. Das faellt aber auch unter den Mechansimus der „Selbstkorrektur in der Wissenschaft“ und deswegen møchte ich das gerne vorstellen. Und dann liefert es natuerlich noch mehr gute Argumente gegen die staendige Wiederholung dieser gefaehrlichen „Volksweisheit“ bei der naechsten sozialen Zusammenkunft.

… dass moderater Alkoholkonsum gut fuer einen ist. … Denn wie gesagt, ich muss ja jeden Beitrag in dieser Reihe so anfangen. Aber eigentlich passt der Beitrag nicht so richtig in diese Miniserie oder die bzgl. des Intelligenzquotienten … aber so ganz unpassend ist’s auch nicht. Kurz gesagt: das hier ist eine Art Einschub.

Wieauchimmer, ich erwaehnte neulich, dass Holmes, M. V. et al., in ihrer Studie „Association between alcohol and cardiovascular disease: Mendelian randomisation analysis based on individual participant data“ in BMJ, 2014; 349:g4164, keine Verbindung zwischen dem mutierten „Alkoholverarbeitungsgen“ und Variablen der Lebensfuehrung finden konnten.
Ich erwaehnte auch, dass es zwei (weniger relevante) Ausnahmen gab. Zum Einen war die Assozierung  …

[…] of the […] [mutation] […] with ever smoking […] in the opposite direction to that seen in observational analysis.

Das bedeutet, die Chance, dass Mutanten ueberhaupt jemals geraucht haben war grøszer als bei Nichtmutanten. Das waere dann doof, denn Rauchen ist schlecht fuer das Herz-Kreislaufsystem. Andere Variablen des Rauchens (bspw. Zigaretten pro Tag oder wie stark inhaliert wird (gemessen via Nikotinabbauprodukten im Blut) sind nicht anders als bei Nichtmutanten.
Zum Glueck ist der Effekt deutlich kleiner als der positive Effekt des weniger Trinkens und so klein, dass es eben unter die Kategorie „weniger relevant“ faellt, was immer das auch heiszen mag.

Die zweite Sache ist, dass

[… [mutants] showed higher total years in education […].

Auch hier ist der Effekt ziemlich klein (0.04 Jahre mehr im Durchschnitt) … aber ich versuchte ja in der Intelligenzquotientserie klarzumachen, dass kleine Effekte mitunter grosze Auswirkungen in den Extremen haben kønnten.
Im Sinne besagter Serie argumentiere ich nun, dass wenn die Mutation NICHT die Intelligenz direkt beeinflusst, sondern der Effekt durch weniger Trinken zustande kommt, dass dann die relativ einfache Masznahme einer erhøhten Alkoholsteuer zu einer Verschiebung der Intelligenz zur Folge haben kønnte. Jaja, das Ganze ist nicht so einfach, weil dann die Leute mglw. mehr Selbstgebrannten saufen und Prohibition sollten wir auch lieber nicht nochmal versuchen. Aber es unterstreicht den Punkt, dass (relativ) einfache und billige Masznahmen mit mglw. groszen Auswirkungen gar nicht so schwer zu finden sind.
Andererseits schrieb ich hier, dass Intelligenz sich im ganzen Genom breit macht und das unerwartet mit anderen Sachen wechselwirkt, wenn wir da was zu aendern versuchen. Sollte die Mutation also die Intelligenz direkt beeinflussen, waere der veraenderte Alkoholmetabolismus eine solche wechselwirkende Sache. In dem Fall waeren beide Auswirkungen (ausnahmsweise) gut … auszer natuerlich, dass man dann an Lungenkrebs stirbt, aber das passiert ja oft erst in spaeteren Jahren.

So, genug des Einschubs. Ich wollte das mal erwaehnen, wusste aber nicht so richtig wohin damit.

… dass moderater Alkoholkonsum gut fuer einen ist. .oO(Verdammt, jetzt muss ich jeden Beitrag in dieser Reihe so anfangen, weil ich den Titel so haben wollte.)

Beim letzten mal versuchte ich zu erklaeren, worauf die Methode der Mendelschen Randomisierung basiert, denn darauf baute der Artikel von Holmes, M. V. et al., mit dem Titel „Association between alcohol and cardiovascular disease: Mendelian randomisation analysis based on individual participant data“ in BMJ, 2014; 349:g4164, auf.

Ich erwaehnte noch, dass Holmes et al. die Ergebnisse von 56 Studien mit insgesamt ueber 250-tausend Teilnehmern (mit europaeischer Abstammung) auswertete und dass die rs122984 Mutation des ADH1B Gens herangenommen wurde um heraus zu finden ob moderater Alkoholkonsum gut ist oder nicht.

Zur Wiederholung sei erwaehnt, dass diese Mutation gewaehlt wurde, weil sie zur Folge hat, dass Alkohol schneller zu einem „unangenehmen Abbauprodukt“ umgewandelt wird, weswegen Traeger dieses Gens die negativen Folgen von Alkoholkonsum eher spueren. Dies wiederum hat zur Folge, dass …

[…] [Mutants consume] fewer units of alcohol per week (−17.2% units/week […]) and had lower odds of being in the top third of drinking volume […] compared with non-carriers.

Auszerdem hatten Mutanten eine kleinere Wahrscheinlichkeit „binge drinkers“ zu sein und eine høhere Wahrscheinlichkeit ueberhaupt nie Alkohol zu trinken.

Desweiteren sind dies in der relevanten Fragestellung die einzigen Auswirkung der Mutation auf das Verhalten und die Biologie der Traeger dieser Variation. Insbesondere hat die Mutation keine Auswirkungen auf die Gesundheit des Herzens und des Blutkreislaufs und es gilt auch, dass …

[c]arriage of the […] [mutation] was not associated with physical activity […]

… denn mehr Bewegung ist i.A. natuerlich gut fuer’s Herz und allem was damit zusammenhaengt. Von weniger relevanten Ausnahmen, auf die ich an anderer Stelle kurz eingehen werde, abgesehen hat die Mutation auch keine Auswirkungen auf andere Aspekte der Lebensfuehrung.

Die (auch von Aerzten und Gesundheitsorganisationen verbreitete) „Volksweisheit“ ist nun, dass viel leichter und moderater Alkoholkonsum gut fuer die Gesundheit ist, spezifisch auch fuer die Gesundheit des Herz-Kreislaufsystems. Das bedeutet, dass Abstinenz oder hoher Alkoholkonsum weniger gut fuer die Gesundheit ist. Letzteres muss, denke ich, nicht weiter erwaehnt werden Ersteres hingegen ist meiner Meinung nach nicht ganz so klar. Aber das ist nunmal was die Leute sagen. Holmes et al. druecken das so aus:

[i]f the U shaped association between alcohol consumption and cardiovascular events is real, a comparison of event rates [Anm.: vulgo: Herzinfarkte (in diesem Fall)] in rs1229984 A-allele carriers (associated with a reduction in alcohol consumption from published studies […]) versus non-carriers will vary across broad categories of alcohol consumption.

Das „across broad categories of alcohol consumption“ ist wichtig, denn auch wenn man ein Mutant ist, kann man zur Gruppe der Menschen mit hohem Alkoholkonsum zaehlen. Das ist also nicht so, dass Mutanten nur zur Gruppen der wenig-oder-gar-nicht-Trinker gehøren, denn das wuerde die Mutation unbrauchbar machen fuer die Fragestellung.
Wieauchimmer, im Bild der „Volksweisheit“ bedeutet dies, dass …

[i]n light to moderate drinkers (>0 to <21 units/week), […] [mutants] will be expected to have a higher coronary heart disease event risk, whereas, for heavy drinkers (≥21 units/week) they will be expected to have a lower event risk.

Und ganz wichtig ist die Kontrollgruppe:

[…] it is expected that in non-drinkers carriage of the rs1229984 A-allele variant will have no effect on cardiovascular traits or events […].

Die Zitate hier zeigen ein bisschen, warum ich den Artikel so toll finde. Insgesamt sind das Themen mit denen ich mich ueberhaupt nicht auskenne — ganz allgemein Genetik und Medizin. Die Autoren schreiben das alles klar, gut strukturiert und verstaendlich auf, fuer Leute wie mich. Zugegeben, das Verstaendniss setzte øfter erst nach mehrmaligem Lesen von bestimmten Abschnitten ein. Das aber macht gute wissenschaftliche Artikel aus, dass eine interessierte Person die Argumentation nachverfolgen kann. Das bedeutet nicht, dass alle Details erklaert werden, denn letztlich werden wissenschaftliche Artikel doch fuer’s Fachpublikum geschrieben. Es wird also bspw. nicht im Detail erklaert, was eigentlich eine rs122984-Variante ist. Aber es wird genug allgemeiner Hintergrund geliefert, sodass besagte interessierte Person das woanders nachschlagen kann, um das dortige Wissen mit dem im Artikel Geschriebenen einzuordnen und alles besser zu verstehen. Dies ist uebrigens auch der Grund, warum ich im ersten Artikel dieser Reihe Mendelsche Randomisierung grob erklaere.

Soweit ich weisz, kønnen alle Krankheiten mit sogenannten Biomarkern in Verbindung gebracht werden. Kurz gesagt sind das objektive Sachen die man messen kann (bspw. Blutdruck oder Cholesterinwerte), die in einem eindeutigen Zusammenhang mit besagten Krankheiten stehen. Dies selbst dann, wenn sich aeuszerlich noch gar keine Symptome zeigen. Das ist uebrigens der Grund warum Aerzte sagen kønnen woran man vermutlich schneller als einem lieb ist sterben wird, wenn man seine Lebensgewohnheiten nicht aendert, obwohl man sich selbst doch noch ganz hervorragend fuehlt.

*Gedankensprung*

Holmes at al. fanden nun, dass Mutanten im Durchschnitt (beinahe) durch die Bank bessere Werte hatten bei Biomarkern fuer Herz- und Kreislauferkrankungen. In „wissenschaftlich“ schreibt man das so:

Carriers of the rs1229984 A-allele had lower systolic blood pressure (−0.88 (−1.19 to −0.56) mm Hg) compared with non-carriers. Concordant with this, rs1229984 A-allele carriers also had lower odds of hypertension (104 570 cases; odds ratio 0.94 (0.91 to 0.98)). Rs1229984 A-allele carriers had lower levels of interleukin-6 (−5.2% (−7.8% to −2.4%)), C reactive protein (−3.4% (−5.7% to −1.1%)), body mass index (−0.17 (−0.24 to −0.10) kg/m2), and waist circumference (−0.34 (−0.58 to −0.10) cm). Rs1229984 A-allele carriers also had lower non-HDL cholesterol concentrations (−0.03 (−0.05 to −0.01) mmol/L) […].

Ich verstehe die Zahlen und Trends derselbigen und kann generell die Fachbegriffe einordnen, gebe aber zu, dass mir das im Detail alles eigentlich nix sagt. Das ist (fuer mich) aber auch nicht so wichtig, weil ich im Allgemeinen verstehe wie das mit dem Thema zusammenhaengt und das fasste ich ueber dem Zitat kurz zusammen.

Es sei gesagt, dass es hiebei wichtig ist sich zu erinnern, dass die Mutation KEINE Verbindung zu diesen Biomarkern hat, sondern dass der Effekt nur dadurch zustande kommen kann, dass die Mutanten im Schnitt weniger trinken.

Und an dieser Stelle ein Cliffhanger … ach Quatsch, ich meine so einen Cliffhanger … .oO(tihihi).
Ein Cliffhanger deswegen, weil die Assoziation von Biomarkern mit Krankheiten nicht immer ganz ohne Probleme ist. Ganz in Allgemeinen ist das zwar schon gut etabliert, aber ein Mensch mit furchtbaren Cholesterinwerten kann immer noch an Altersschwaeche und nicht an ’nem Herzinfarkt sterben. Letztlich ist also die tatsaechliche Sterberate aufgrund von Herz- und Kreislauferkrankungen entscheident. Und das bespreche ich beim naechsten Mal.

Immer wenn ich sage, dass ich eine Serie abschliesze, dann stolper ich doch noch ueber etwas. In diesem Fall mit nicht so groszem Abstand wie sonst.

Ich møchte ich mehrere Sachen klarstellen, aber eigentlich laeuft alles auf nur ein Dingens hinaus. Interessanterweise fuehrt mich das zu einem aelteren Beitrag zurueck. Aber der Reihe nach.

Im allerersten Beitrag dieser Reihe schrieb ich:

Selbstverstaendlich tragen alle […] [Menschen] dazu bei, dass es den Menschen um sie herum gut geht … das ist wichtig fuer so eine Art grundlegenden Wohlstand.

Vøllig anders drueckte ich die selbe Sache in besagtem aelteren Artikel so aus:

Das Dumme ist: der Weltraum ist voll von Gefahren. Und die „Intelligenzia“ hat oft die Eigenschaft, kuemmerlich auf solche Gefahren zu reagieren. Das kønnte jetzt zwar nur ein Vorurteil sein, aber die allermeisten Nobelpreistraeger wirken nicht so, als ob sie alleingelassen im Wald ueberleben wuerden.

Beide Male druecke ich aus, dass es ueberhaupt nix bringt, wenn es NUR superschlaue Leute gibt. Dies deswegen weil es superschlaue Leute nur geben kann, wenn andere Menschen diese am Leben erhalten indem besagte andere Menschen die Haeuser bauen und die Kartoffeln anbauen. Ebenso braucht es schlaue, aber nicht ganz superschlaue Pesonen (also die normelen Universitaetsabsolventen wie ich), denn Erstere arbeiten Letzteren zu. Egal wie toll der oder die zukuenftige Nobelpreistraeger(in) ist, wenn diese oder dieser nicht mindestens dutzende von Doktoranden und Doktorandinnen haette, wuerden die vielen wunderbaren Ideen nur reine Theorie bleiben. Der Grund ist natuerlich, weil besagte Doktorandinnen und Doktoranden die eigentliche „Handarbeit“ machen und das Gesamtbild, welches fuer das Voranschreiten der Menschheit sorgt, sich erst ueber viele Jahre ergibt.

Und hier liegt ein haeufiger Denkfehler semiintelligenter Menschen. Die halten sich naemlich fuer extra schlau und viel von sich selbst. Entsprechend wollen solche Personen oft NUR die Intelligenz førdern. Sei es, dass nur Begabtenschulen oder „Elite“universitaeten (so sinnvoll und wichtig ich beide Konzepte durchaus finde) positiv erwaehnt und geførdert werden und der Rest des Bildungssystems verkommt, oder so wahnwitzige Ideen, dass sich nur Leute mit Diplom fortpflanzen sollten. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich als sehr junge Person, mit fast gar nicht vorhandener Lebenserfahrung, kurz nach der Schule durchaus auch dieser Meinung war … *seufz* … Zum Glueck sind Menschen in der Lage ihre Meinungen zu aendern.

Im oben zitierten aelteren Artikel schrieb ich ein bisschen dazu, was natuerliche Selektion bzgl. Intelligenz fuer negative genetische Auswirkungen auf die Gruppe der Ashkenzijuden hat. Aber letztlich wird das dort Geschriebene nur angenommen und man hat keinen direkten Beweis. … Dies ist das Stichwort um den Vorhang auf zu machen fuer Kotrschal, A. et al., denn die haben bereits 2012 mittels kuenstlicher Selektion Guppies mit grøszeren und kleineren Gehirnen (divergente Selektion nennen die das) gezuechtet und das Experiment in Current Biology 23 (2), p168–171, 2013 im Artikel mit dem Titel „Artificial Selection on Relative Brain Size in the Guppy Reveals Costs and Benefits of Evolving a Larger Brain“ vorgestellt (sollte frei sein, wenn nicht: *hust*).
Diese Selektion ging erstaunlich schnell:

[…] brain size responded rapidly to divergent selection […]. Relative brain size was already 9% larger in the upward- compared to the downward-selected lines after two generations of selection.

Und grøszere Gehirne bedeuten (innerhalb einer Spezies) tatsaechlich høhere Intelligenz:

[…] large-brained females [were] outperforming small-brained females in the learning assay […], thereby providing direct evidence for a positive association between relative brain size and cognitive ability. Interestingly, no difference was found between males of different brain sizes

Die Maenner waren wie immer zu doof, trotz grøszerer Gehirne. Ist ja bei den Menschen nicht anders, duenkt mich.

Das ist also absolut møglich, innerhalb relativ kurzer Zeit die (zahlreichen!) Intelligenzgene durch kuenstliche Selektion zu bevorzugen. Allerdings wurde das teuer erkauft:

Gut size differed between selection lines by 20% […]. […]
Offspring number was […] 19% lower in the large-brained lines as compared to the small-brained lines, which shows that the evolution of a larger brain has a strong negative effect on an important reproductive trait.

Das hatte man schon laenger vermutet. Zum Einen braucht das Verdauungssystem nach dem Gehirn die meiste Energie und der Kørper muss ds gut haushalten um zu ueberleben. Soweit ich weisz, kann man relativ gut nachverfolgen, dass die Verdauungssysteme der Spezies Homo kleiner wurden, wann immer unsere Vorfahren bessere (permanente) Nahrungsquellen fanden. Zunaechst mehr Fleisch als Gemuese und dann die Nutzbarmachung des Feuers. Im gleichen Zuge wurden unsere Gehirne grøszer.
Zum Anderen sind Meeressaeuger und Primaten (inkl. Homo Sapiens) mit Abstand die intelligentesten Saeugetiere, es sind aber auch die mit den geringsten Geburtenzahlen.
Man hatte fuer diese beiden Vermutungen nur noch keinen direkten Beweis.

Da ist also was zu holen, aber Intelligenz ist nicht nur auf einem oder ein paar wenigen Genen verteilt. Soweit ich den Stand der Forschung diesbezueglich ueberblicke, stehen sehr viele Stellen im Genom mit der Entwicklung des Gehirns und der Intelligenz in Verbindung und diese Stellen sind verkreuzt mit anderen Sachen wobei Herumwurschteln in den anderen Sachen dann gerne unangenehme Folgen haben kønnen. Deswegen scheint mir, dass gezuechtete „Intelligenzuebermenschen“ im Schnitt eher krank und schwaechlich sein werden. Kurzfristig waere das mglw. ein Gewinn, aber es wuerde dem wirklich langfristigen Vorankommen der Menschheit eher im Wege stehen. Die geringere Fortpflanzung spricht fuer sich, aber wenn die Menschheit permanent kuenstliche Nahrungsquellen braucht, dann ist das insgesamt kein robustes System mehr, wenn da mal ’ne grøszere Katastrophe (bspw. ein Virus) kommt.

Und deswegen plaediere ich in den Artikeln dieser Reihe (und auch im Allgemeinen) so sehr dafuer, die Lebenssituation ALLER Menschen zu verbessern. Denn da gibt es noch etliche (andere) „low hanging fruit“ die „geerntet“ werden kønnen, ohne permanente, alles kaputt machende Nebenwirkungen.

Im vorigen Artikel erwaehnte ich kurz die weitumfassenden Programme um dem Jodmangel entgegen zu wirken. Diese fanden grosze Aufmerksamkeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Mittlerweile wissen nur noch (verhaeltnismaeszig) wenige Menschen, warum denn Iodsalz zum Kochen verwendet werden sollte. Dies liegt daran, dass zumindest in den westlichen Laendern niemand mehr die Auswirkungen von Iodmangel auf den menschlichen Kørper (buchstaeblich) vor Augen hat; dies aufgrund des ueberwaeltigenden Erfolgs dieser Programme. Im zitierten Beitrag schrieb ich auch, dass das eine sehr, sehr gute Sache ist.

Ungefaehr zum gleichen Zeitpunkt stolperte ich ueber Black Like Me von John Howard Griffin und ich empfehle das Buch unbedingt zu lesen, denn zumindest mich und meine Sicht auf die Welt hat es nachhaltig beeinflusst.

Kurz zum Inhalt: der Autor untergeht eine Behandlung die seine Haut schwaerzt und reist Ende der 50’er Jahre fuer einige Wochen als „Negro“ (wie es damals noch ueblich war zu sagen) durch den Sueden der USA.
Es ist furchtbar zu lesen, wie Menschen andere Menschen behandeln … aber leider ist das ja nichts Neues :( .

Es gibt einen Grund, warum ich dieses Buch im Zusammenhang mit dem ganz oben Geschriebenen erwaehne. Dieser ist, dass es mich (indirekt) darauf aufmerksam machte, dass wir als normale Individuen der Gesellschaft im Grunde nicht wirklich etwas ueber die Gruende der Buergerrechtsbewegungen der 60’er Jahre wissen. In den USA war diese zu groszen Teilen gepraegt durch die (bis heute nicht wirklich beantwortete) Frage der Integration nichthellhaeutiger Menschen (denn dies betrifft viel mehr Menschen als die Nachkommen der Sklaven in den USA).
Hinzu kamen all die Fragen bzgl. der Gleichberechtigung von Frauen und nicht-(gesellschaftlich)-konservativer Menschen (vulgo: Studentenbewegung). Zumindest die letzten zwei Themenstellungen waren auch in Europa relavant.

Und da war es wieder, das Praeteritum. Warum eigentlich? Denn natuerlich ist das immer noch relevant! Es gibt politische und gesellschaftliche sehr erfolgreiche Kraefte in der westlichen Gesellschaft, die dem Vorankommen menschenfreundlicher Ideen massiv im Weg stehen, ja das bereits errreichte wieder rueckgaengig machen wollen. Seien es politische Parteien (bspw. die offensichtlichen Naziparteien, aber damit meine ich auch andere sog. „konservative“ Parteien) oder der Arbeitskollege (leider oft genug auch die Arbeitskollegin!) der ernsthaft meint, dass Frauen sich doch nicht so haben sollen, denn es war doch schlieszlich eine Frau viele Jahre Bundeskanzlerin.

Aber das war ja schon oft genug Thema in diesem Weblog und ich wollte eigentlich auf das Folgende hinaus: es ist auch hier sehr gut, dass wir das Elend (von dem ein wichtiger Teil in dem Buch beschrieben wird) nicht mehr vor Augen und vergessen haben. Ist es doch ein Zeichen von massivem Fortschritt. Aber vielleicht sollten wir versuchen uns doch daran zu erinnern, denn wir sind laengst noch nicht fertig mit dem Aufbau einer besseren Gesellschaft; fuer Letzteres ist es immer wichtig zu wissen, warum man das eigentlich macht. Und unter Anderem deswegen lege ich die Lektuere dieses Buches wirklich ans Herz. Es ist auch relativ kurz (nur ca. 150 Seiten) und schnell gelesen (ich brauchte 2 Tage) und wem es zu umstaendlich ist in die Bibliothek zu gehen … øhm … *hust*.

Um diese Reihe abzuschlieszen møchte ich auf eine groszflaechige, kuenstlich eingefuehrte, Gesundheitsmasznahme hinweisen, die uns allen bekannt ist: Iodsalz.

Meist benutzen wir das, weil unsere Eltern uns sagten, dass das wichtig ist. Wenn das Wissen ueber „Tradition“ hinaus geht, dann weisz man vielleicht noch, dass die Schilddruese das braucht und damit man keinen Kropf bekommt.
Deutlich weniger bekannt in der allgemeinen Bevølkerung durfte der folgende Fakt sein:

Iodine deficiency is the leading cause of preventable intellectual disability […].

Und das ist eine verdammt gute Sache, dass das weniger bekannt ist, denn das angeborene Jodmangelsyndrom ist zumindest in westlichen Laendern sehr selten geworden. Dies liegt daran, dass vor ca. 100 Jahren besagte westliche Laender begannen Masznahmen einzufuehren, die dem kronischen Iodmangel entgegenwirken.

Eine Studie dazu zeigte fuer die Schweiz, dass Kinder, geboren nach der Einfuehrung von Iodsalz, im Schnitt laenger in der Schule blieben, bzw. dass (relativ gesehen) mehr Menschen høhere Abschluesse erhielten.
Eine andere (Meta)Studie kann den Effekt fuer chinesische Kinder sogar auf (im Schnitt) neun zusaetzliche IQ-Punkte quantifizieren.
Noch eine andere Studie (*hust*) zeigt den Effekt den Iodsalz auf das (durchschnittliche) Einkommen in den USA hat (11 % mehr Geld, mit den zu erwartenden „Nebenwirkungen“).
Dies sind aber nur drei Studien zu einem Effekt der seit langem bekannt und gut untersucht ist.

Ich erwaehne dies explizit, denn es ist so wichtig, weil die Einfuehrung von Iodsalz primaer den Lebensstandard der Menschen erhøht durch deutlich weniger Leiden durch Schilddruesenunterfunktion. Und solch eine allgemeine Masznahme, die gut ist fuer alle Menschen (!), muss nicht mal viel kosten, denn bspw. die Zugabe von Iod erhøht den Preis von Salz um nur ein paar Cent pro Tonne.

Auszerdem ist dies ein ganz konkreter Beweis dafuer ist, dass die Verteilung der Intelligenz einer groszen Population mittels sehr einfacher Masznahmen beeinflusst werden kann.

Und nun ist die Frage, inwiefern die gigantischen technologischen Schritte welche die Menschheit seit ca. den 50’er Jahren genommen hat, auf eben eine solche Verschiebung durch Iod zurueckgefuehrt werden kann.
Und die 50’er sind wichtig, denn das war die Zeit, als die 1. Generation von Kindern welche mit Iodsalz aufgewachsen ist, sich im Berufsleben etablierten.

Auszerdem ist die Frage, inwiefern dies zu den gesellschaftlichen Unruhen der 60’er und 70’er gefuehrt hat. Letztere sind naemlich ganz offensichtlich auch dadurch zustande gekommen, weil insb. junge Menschen mehr und mehr selber gedacht haben und sich nicht mehr durch ein das-war-schon-immer-so haben abspeisen lassen. Und wir profitieren von all dem (sei es durch Gleichberechtigung oder den Laptop auf dem Tisch).

Deswegen zum Abschluss: immer schøn fuer Sachen sein, die den Lebensstandard ALLER Menschen erhøhen. Das lohnt sich langfristig so krass, dass eventuelle, individuelle, kurzfristige Gewinne das nie im Leben ausgleichen kønnten.

Weil mir der kleine Mann hinterherspioniert, weisz ich jetzt, dass ich seit Jahren einen Eintrag in der IMDB habe.

Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht … trotzdem cool wa!

Nun brauche ich nur noch einen Wikipediaeintrag.

An dieser Stelle (mal wiedr) ein Danke an besagten kleinen Mann, dass er das gefunden und mich darauf aufmerksam gemacht hat.